Hauptmenü
Rückblende
Appenzellerland: 08. Juni 2009, 01:04
Mit dem Wort von Haus zu Haus
Anregender Farbtupfer im Rahmen des Jubiläums «700 Jahre Speicher – grosse Sprünge»: Eine knappe
Hundertschaft hat sich am Samstag trotz zeitweise intensiven Regens auf einen literarischen
Häuserspaziergang begeben.
MARTIN HÜSLER
Speicher. Häuser prägen ein Dorf genauso wie die Menschen. Der auf Initiative des Teams der Bibliothek Speicher
Trogen mit seiner Leiterin Hannelore Schärer ins Jubiläumsprogramm genommene literarische Häuserspaziergang
nahm diese Erkenntnis ein Stück weit auf. Wer an diesem «sprachlichen Hausieren» teilnahm, setzte sich zwar
ordentlich der Wetterunbill aus, aber mindestens ebenso sehr einem erfrischenden Wörterregen.
Gereimtes
Nicht von ungefähr erfolgte der Start beim Landammann-Zuberbühler-Haus, wo einstmals Emmy Zürcher – in
Speicher noch immer in bester Erinnerung – mit ihrer Bücherstube gerade vielen jungen Menschen das Tor zur
Literatur geöffnet hat. Ihres liebenswürdigen Wesens nahm sich Eugen Auer in gereimter Form an. Was er an Witz
und Esprit in seine Verse packte, fand den Weg direkt ins Gemüt einer erheiterten Zuhörerschaft.
Und dass sich schliesslich Emmy auf Bücherschwemmi reimte, hätte als Schlusspointe nicht trefflicher gestaltet sein
können.
«Glückliche Mittelmässigkeit»
Wanderleiter» und Fest-OK-Präsident Peter Abegglen bat hierauf zur nächsten Station beim Haus kul-tour
Vögelinsegg. Hier zitierte Ausserrhodens Denkmalpfleger Fredi Altherr Passagen aus «Schilderung der Gebirgsvölker
der Schweiz» des Reiseliteraten Johann Gottfried Ebel.
Dieser gelangte seinerzeit zur Feststellung, Speichers Häuser hätten «in ihrer gleichförmig braunen und gelblichen
frischen Holzfarbe eine bescheidene ruhige Einfachheit, deren Eindruck desto angenehmer ist, weil sie unmittelbar die
Ueberzeugung giebt, dass die Bewohner derselben, weder von Noth noch Ueberfluss gequält, froh und zufrieden in
glücklicher Mittelmässigkeit leben».
Strenges Regime im Waisenhaus
Ob die früher im Waisenhaus, der nächsten Station, lebenden Kinder wohl unter dem selben Eindruck von «glücklicher
Mittelmässigkeit» gestanden haben? Das an einem der schönsten Punkte Speichers stehende Haus gab Kerstin Auer
Gelegenheit, anhand von Aufzeichnungen eines Becke Friedli dem strengen Regime nachzuspüren, unter dem die in
der damaligen Waisenanstalt Untergebrachten (oder vielmehr: Versorgten) litten.
Sittenstrenge und aus heutiger Sicht ungesetzliche Arbeit im modrigen Webkeller bestimmten den Lauf der Tage. Der
Waisenvater beschulte die Kinder, von denen es besagter Becke Friedli gleichwohl bis in die Kantonsschule nach
Trogen brachte. Lediglich die Sonntage fielen vergleichsweise mild aus.
«Anonymität ist nicht möglich»
Ingrid Leu, seit 1975 im Waisenhaus daheim, schilderte dann auf anrührende Weise das Miteinander der
Hausgemeinschaft, wie es sich heute darbietet.
Ihre mehr als dreissig Jahre in diesem markanten Gebäude sind geprägt von vielen guten Erfahrungen, auch wenn im
Haus gewisse selbstverständliche Annehmlichkeiten erst relativ spät Einzug gehalten hätten, es ringhörig sei und die
Böden noch immer knarrten. «Man muss einander mögen hier drin. Anonymität ist nicht möglich», sagte sie – ohne
jeden bedauernden Unterton.
Tanners Schilderungen
Beim Heidenhaus am Bogenweg – mutmasslich eines der ältesten Speicherer Häuser – galt in der Folge die weitere
Aufmerksamkeit dem Sittenstand in früheren Zeiten. Fredi Altherr zog hierzu die 1853 erschienene Speicherer
Chronik von Bartholome Tanner heran. Eine der Erkenntnisse daraus wäre jene, wonach sich eigentlich vieles von
dem wiederholt, was schon damals Anstoss erregte, etwa der «Verfall der Kinderzucht» – wobei «Zucht» heutzutage
mit «Erziehung» gleichzusetzen wäre.
Die teils dramatischen Umstände, die zum Kirchenbau von 1810 geführt hatten, waren unter anderem Thema von
Fredi Altherrs Tanner-Zitaten beim evangelischen Pfarrhaus.
Szene am Fenster und Abschluss
Judith Egger machte mit einer wunderlichen Geschichte eine Anleihe bei der österreichischen Schriftstellerin Ilse
Aichinger. Für die Narrheiten eines Mannes am Fenster, mit dem kürzlich zurückgetretenen Gemeinderat Andreas
Brunner als Protagonisten, ging der «Vorhang» just im Gemeindehaus auf, dort also, wo an sich ja die Weisheit
wohnt…
Den Abschluss des literarischen Häuserspaziergangs bildete eine Lesung mit Walter Züst in der Bibliothek Speicher
Trogen. Er las aus seinem Roman «Der Weg zum Richtplatz», dessen Hauptperson mit Ueli Schläpfer, dem letzten
Ausserrhoder Hinrichtungsopfer, bekanntlich ein Speicherer war. Beim anschliessenden Apéro, zu dem
«Boggelschnette» gereicht wurden, war man sich allenthalben einig, einem sehr gefälligen Anlass beigewohnt zu
haben.
Mit freundlicher Genehmigung der Appenzeller Zeitung
______________________________________________________________________________________________
Literarischer Häuserspaziergang
700 Jahre Speicher, 6. Juni 2009, Haus Oberdorf 2
Dies schöne, stattliche Gebäude
war einst der Leseratten Freude,
doch ehe ich davon berichte,
ein kurzes Wort zu der Geschichte,
die sich wohl sehen lassen kann.
Ein Zuberbühler-Landammann
der wollte bauen, und zwar goss,
leicht ob dem Dorf, im Obern Moos
wie dieser Platz damals genannt.
Ein Zimmermann, der sehr bekannt,
Johannes Grubenmann mit Namen,
erhielt mit finanziellem Rahmen
den Auftrag für die stolze Baute.
Da Zuberbühler ihm vertraute,
entstand in edlen Proportionen
ein Haus für Zuberbühlers Wohnen.
Zweihundertzweiundsechzig Jahre
ist`s her, dass dieser wunderbare
Palast des Landammanns entstand.
Gehauen in den Stein aus Sand
sieht man noch heute ob der Pforte
ein Wappen von der edlen Sorte,
das damals Zuberbühlers eigen,
und auch das Baujahr lässt sich zeigen;
die ganz genaue Jahreszahl
steht auf dem hinteren Portal.
Die Zuberbühlers starben aus,
und letzten Endes ging das Haus
an Zürchers, die bereits schon hier,
und zwar im Kalabinthquartier,
als Teppichwäscher tätig waren.
Als dann, noch gar nicht alt an Jahren
Herr Zürcher jäh verstarb, da blieb
die Gattin Emmy im Betrieb,
bis dass sie Knechts als Käufer fand.
Was sollte sie im Ruhestand
allein im grossen Hause tun?
Sich darin einfach auszuruhn,
war nicht nach Emmy Zürchers Sinn.
Für einen guten Neubeginn
fand Lehrer Schläpfer hier am Ort
für Emmy dann das Schicksalswort.
Er sprach, wir wären geistig reicher,
wenn wir in Zukunft hier im Speicher
auch eine Bücherstube hätten
wie sonst nur in den grossen Städten.
Ihm schien, dass bei der alten Frau
im allzu grossen Zürcherbau
doch Räume für die Bücher seien,
und um dieselben auszuleihen
kam Emmy ihm geeignet vor.
Er fand bei ihr ein offenes Ohr,
und so begann, was läuft bis heuer:
das Speicher-Bücher-Abenteuer!
Die Frau erwarb zu eignen Lasten
an Büchern, was die Räume fassten.
Gestelle wurden eingebaut,
die Bücherwelt darin verstaut,
und alsbald strömten schon die Kunden,
die wachen Geists für Mussestunden
Frau Zürcher um Lektüren baten.
Die Dame pflegte zu beraten;
sie achtete, dass jeder fasste,
was ihm entsprach und zu ihm passte,
und war besonders vehement
erpicht darauf, dass streng getrennt
die Mädchenbücher von den Knaben;
und sollte es doch Mädchen haben,
die nach den Knabenbüchern griffen,
so wurden sie zurückgepfiffen.
Heut frägt man sich zu Recht, wie wär es
in Sachen Bibliothekäres
in unserem Speicher wohl bestellt
wenn damals nicht die Bücherwelt,
vor fünfzig Jahren ungefähr,
in diesem Haus entstanden wär?
Hier wurde wohl der Keim gesetzt
für dieses grosse Werk von jetzt,
das Hannelore weiterführt,
wofür ihr unser Dank gebührt,
wie auch den andern guten Geistern,
die unsere Bücherstube meistern,
mit ihrer grossen Bücherschwemmi.
Das freut im Himmel Zürchers Emmy.
Eugen Auer
Untermenü